Die (meine) New Work eXperience NWX23

New Work Experience NWX23

Die New Work Experience #NWX23, ein „buntes Festival“, gewidmet einer „besseren Arbeitswelt und Zukunft“. Nach 9 Stunden Programm im pünktlichen Zug mit geänderter Wagenreihung nach Leipzig eine kritische Würdigung.

New Work

New Work, eine neue Arbeit, war das Lebensprojekt des 2021 verstorbenen Fritjof Bergmann. Das Lohnarbeitssystem sei am Ende, sei unproduktiv und ineffizient, und müsse letztlich durch ein neues Verständnis von Arbeit abgelöst werden. Hiermit meint Bergmann explizit nicht Lohnarbeit, sondern eine neue Aufteilung der Zeit, die wir Arbeit nennen, in 1/3 Erwerbstätigkeit, 1/3 Selbstständigkeit und 1/3 dem, „was man wirklich, wirklich will“. Ist es also das, was auf dem Festival verhandelt wird? Eine DNA für ein grundlegend neues Lebenswirklichkeitssystem? Eine Revolution der Zeitaufteilung des postmodernen Menschen durch Nutzung der Dynamik von Digitalisierung, KI, Roboterisierung und Vernetzung? Und lässt sich diese neue Welt hier schon Experiencen? Der Spoiler vorab: ganz klar nein.

Workshop-Ansicht

Die Keynotes, Panels, Workshops, Masterclasses scheinen sich darum zu drehen, wie mit den immer gleichen Prämissen (Digitalisierung, Generation Z, KI, Arbeitskräftemangel und Friends) Ableitungen getroffen werden, die den Status Quo möglichst erhalten helfen. New Work im Bergmanschen Sinn müsste aber doch die Conditio Humana hinterfragen, die Lebenszeiteinteilung besprechen, Wertschöpfung und Wertverteilung neu denken. Kurz flammte dieser Gedanke auf einem Panel bei der Diskussion der 4-Tage Woche auf, um sofort vom SAP People Experience Head Cawa Younosi einkassiert zu werden – ein Business Case müsse es schon sein, sonst wäre es uninteressant. Das finden dann auch Mitarbeitende, die laut Befragungsergebnissen die 4 Tage Woche nur bei gleichen Bezügen wollen (Theresa Käufer). Und so scheint „New Work“ vor allem die Aneignung eines Gedankengutes zu beschreiben, das eigentlich den eigenen Untergang herbeiphantasiert, um genau diesen Untergang dann abwehren zu können. Für mich bestätigt sich ein Unwohlsein mit der New Work Topologie – wenn Menschen machen würden, was sie wirklich, wirklich wollen, würden 99% nicht für den Arbeitgeber tätig sein, für den sie es sind, die anderen sind der Arbeitgeber. Niemand ist dafür geboren, bei Deiner Firma zu arbeiten und für Dich Mehrwert zu stiften. Erwerbsarbeit ist kein Drama, sondern eine hoffentlich bewusste Transaktionsentscheidung. Sie mit höherem Sinn aufzuladen und gleichzeitig die Grenzkosten der Bürounterhaltung auf die Mitarbeitenden abzuschieben, die damit auch kaum noch eine gelungene Work-Life Distance hinbekommen, ist in etwa genau das Gegenteil von dem, was man wirklich, wirklich will.

So viel zur Vorrede.

Notausgang New Work

Trotzdem gab es, wie immer im Leben, ein paar interessante Perlen:

 

  1. Die Generation X will sinnhafte Arbeit mehr als Generation Z, die will dafür flexibler sein. Purpose wäre dann mehr eine Erfindung der Beraterlandschaft (X) als eine Findung im zu beratendem System (Z). (Dazu: Die Generationendiskussion wird in jedem Step des heutigen Tages aufgerufen. Wie üblich werden hier Populationsunterschiede überschätzt, ohne die Varianz innerhalb der Generationen zu betrachten, die üblicherweise größer ist als die zwischen diesen. Artefakte wie Reifegrad der befragten Personen werden ganz unterschlagen. Vielleicht reflektieren die obigen Ergebnisse ja einfach nur die Lebensweisheit einer um 30 Jahre älteren Kohorte, deren Kinder bereits das Haus verlassen haben.)
  2. Retention ist das neue Recruiting Cawa Younosi. Und Recruiting kommt auch ohne Anschreiben und kompletten Werdegang aus – bei der Deutschen Bahn rekrutiert nun der Chat Bot Kerstin Wagner.
  3. Vor zehn Jahren waren die busy Managers mit transformationalem Stil mit hoher Energie und wenig Fokus ein Problem, heute sind es die erschöpften Führungskräfte ohne Fokus und ohne Energie mit Laissez-Faire-Stil, so St. Gallen Professorin Heike Bruch.
  4. Die Robotik steht vor einer Zeitenwende wie einst der Computer mit der Einführung von Windows, wenn das Interface nicht nur von einem studierten Ingenieur, sondern auch dem Bäcker nebenan bedient werden kann Christian Piechnick.
  5. Home Office und Desk Sharing sind Business Cases und werden als kostenoptimierende und gleichzeitig gewünschte Elemente der Arbeit bleiben – am besten mit schönen Möbeln Karla Aßmann
  6. Man kann eine Veranstaltung Workshop, Masterclass oder Keynote nennen, das real existierende Format ist immer das Referat und Interaktion entsteht nur über Mentimeter oder Slido. Für Diskussion bleibt dann keine Zeit mehr. Das liegt natürlich auch am sehr rigiden Zeitplan, den der Veranstalter durch verspäteten Beginn weiter unter Druck setzt. Agil ist daran nichts. Überfrachtet und oberflächig, so vielleicht.
  7. Der Lichtblick: John Bercow, der mit fast unflätiger aber jedenfalls unverblümter Offenheit Boris Johnson als unfähigen Politiker und schlechtesten Speaker portraitiert. Und vielleicht noch Katrin Schwerdtner, die mit der Position man solle bereits im Recruiting-Prozess einfach authentisch und ehrlich miteinander sein, eine beinahe disruptive Position einnimmt.
Bercow NWX23

So wirklich will nichts davon neu klingen.

New Work, so wie es hier verhandelt wird, ist vor allem Old Work, angereichert mit ein wenig mehr individuellen Incentives, bunten Sitzgelegenheiten, fehlenden Abgrenzungsmöglichkeiten in Richtung Life oder Kolleg*innen. Mir scheint, als gingen diese neuen Diskussionsrichtungen elegant an den alten und weiterhin weit verbreiteten Problemen vorbei. Allen voran die Führungskultur, die Art und Weise der Entscheidungsfindung und -kommunikation, die in sich immer die Paradoxie des Menschseins in sich trägt; dass es nämlich keine verletzungsfreie Geschichte geben kann, weil wir als lernende Wesen Resonanzsysteme brauchen, und diese über emotionale Resonanzmodulation Intensität herstellen können, die uns dann über Mikro-Traumata nachhaltig beibringen was richtig und was falsch ist, was dran ist und was sich schickt. Und da jeder seine ganz eigene Geschichte an den Tisch bringt, gibt es immer Mißverständnis und Verletzung, oder anders: mit Menschen ist es halt komplex, und nicht nur kompliziert. Diese Komplexität kommt nicht vor auf diesem Festival – es ist ja auch gar keine Zeit dafür.

Ich wage mal eine steile These: New Work ist fertig. Im besten Sinne hat es als kollektiver Gedanke seine Schuldigkeit getan und uns an die Ergebnisse der Hawthorn-Studien von Roethlisberger und Dickson aus den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts erinnert. Das Festival selbst wirkt getrieben, verstolpert sich im eigenen Takt, balanciert auf der Klippe der Bedeutungslosigkeit und wird wohl bald dort verschwinden. Vielleicht brauchen wir die ganz großen Begrifflichkeiten nicht, keinen metaphysischen Überbau, um Arbeit so zu gestalten, dass daraus gewinnbringende Transaktionen für Unternehmen und Mitarbeitende gleichermaßen entstehen. Das beginnt üblicherweise bei der Unternehmensführung. Wenn die Entscheidungskultur nicht passt, dann heilen auch keine bunten Sofas. Das ist nun auch keine neue Erkenntnis, sie ist wohl so alt wie es menschengemachte Systeme sind. Es macht wenig Sinn an der Kür zu feilen, wenn die Basics noch nicht sitzen. Das wäre doch mal ein Anfang, ganz ohne Bullshit-Bingo, Bling-Bling und die viele Schokolade, die hier verteilt wird.

Platten

Fun Fact

Das Festival fand auch in den Räumen von Xing statt, dem New Work Harbour. Wer hier „keinen Bock auf Spotify hat“ (Xing-Lotse) kann sich an Schallplatten vergnügen. Beim Betrachten der ausgestellten Musik fühle ich mich in meine Schulzeit versetzt und mir wird klar: hier feiert die Generation X den Abschied an eine Idee, für die sie die Generation Z gewinnen will. Mal sehen, wann letztere eigene Festivals aufführt.Ich bin gespannt auf die Inhalte.

 

 

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